Gefahrstoffverzeichnis Schweiz: Vorlage, Spalten, Lagerklassen
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Ein Gefahrstoffverzeichnis ist in der Schweiz Pflicht für jeden Betrieb, der gefährliche Stoffe oder Gemische beruflich verwendet — das schreibt Artikel 25 der Chemikalienverordnung (ChemV) im Rahmen der Selbstkontrolle vor. In der Praxis scheitert Compliance selten an der Pflichtfrage und meistens an der Struktur des Verzeichnisses: zu wenige Spalten, keine Lagerklassen, keine Revisionshistorie. Wir liefern eine 15-Spalten-Vorlage, die Lagerklassen-Matrix mit Beispielstoffen und einen Revisions-Workflow, der bei der nächsten Suva-Kontrolle nicht durchfällt.
Schnell-Antwort: Pflicht ist das Gefahrstoffverzeichnis nach ChemV Art. 25 + ArGV 3 Art. 7 für jeden Betrieb mit gefährlichen Stoffen. Mindestinhalt: Bezeichnung, CAS, GHS-Einstufung, H-/P-Sätze, Lieferant, Lagerort, Menge, Lagerklasse, SDS-Datum, Verwendung. Excel ist zulässig bis rund 50 Stoffe; danach lohnt Spezialsoftware. Aktualisierung bei jeder Bestandsänderung, vollständige Revision jährlich.
In diesem Artikel
- Rechtsgrundlage und Geltungsbereich
- Die 15 Pflichtspalten — mit Beispielzeile
- Lagerklassen-Matrix mit Beispielstoffen
- Excel-Vorlage oder Gefahrstoffsoftware
- Revisions-Workflow — wer macht was wann
- Häufige Fehler bei der Kontrolle
Rechtsgrundlage und Geltungsbereich
Drei Vorschriften verlangen ein Verzeichnis:
- ChemV Art. 25 (Selbstkontrolle): wer Stoffe oder Gemische beruflich verwendet, muss eine Übersicht über die im Betrieb vorhandenen gefährlichen Chemikalien führen — Bezeichnung, Gefährlichkeitsmerkmale, Mengen und Lagerorte.
- ArGV 3 Art. 7 (Information am Arbeitsplatz): Arbeitnehmer müssen am Arbeitsplatz Zugriff auf die relevanten Sicherheitsinformationen haben — das Verzeichnis als Index erfüllt diese Pflicht.
- VUV Art. 6 (Gefahrenermittlung): das Verzeichnis ist Grundlage der Risikobeurteilung — siehe Risikobeurteilung Arbeitsplatz Schweiz 2026.
Geltungsbereich: alle als gefährlich eingestuften Stoffe und Gemische nach ChemV, sowie Stoffe mit einem Arbeitsplatzgrenzwert nach Suva-MAK-Liste — auch wenn sie als Gemisch unter den Schwellen einer formalen Einstufung bleiben. Häufig unterschätzt: Treibstoffe, Schmieröle, Reinigungsmittel und Klebstoffe sind in der Mehrzahl der Fälle einstufungspflichtig.
Die 15 Pflichtspalten — mit Beispielzeile
Die folgende Spaltenmatrix erfüllt die ChemV-Anforderungen und ist gleichzeitig schlank genug, dass ein KMU sie pflegen kann. Pflichtfelder fett, empfohlene Felder normal.
| # | Spalte | Datentyp | Beispiel |
|---|---|---|---|
| 1 | Stoffname / Handelsname | Text | Aceton 99,5 % |
| 2 | Synonyme / CAS-Nr | Text | 67-64-1 |
| 3 | EG-Nr (falls vorhanden) | Text | 200-662-2 |
| 4 | Lieferant / Hersteller | Text | Firma X AG, Basel |
| 5 | GHS-Piktogramme | Liste | GHS02, GHS07 |
| 6 | Gefahren-/Sicherheits-Sätze (H/P) | Liste | H225, H319, H336 |
| 7 | Lagerklasse (VCI) | Wert 1-13 | LK 3 (entzündbare Flüssigkeiten) |
| 8 | Lagerort | Text | Werkstatt Süd, Schrank A2 |
| 9 | Maximale Lagermenge | Zahl + Einheit | 25 L |
| 10 | Aggregatzustand | Auswahl | flüssig |
| 11 | Verwendung im Betrieb | Text | Entfettung Werkstücke |
| 12 | Persönliche Schutzausrüstung | Text | Nitrilhandschuhe, Schutzbrille, Atemschutz A2 |
| 13 | SDS-Datum / -Version | Datum + Version | 2025-09-12 / Rev. 4 |
| 14 | Anmerkungen | Text | nur für Erwachsene > 18 J. |
| 15 | Revisionsdatum Verzeichnis | Datum | 2026-05-12 |
Wer Excel verwendet, sperrt die Spalten 1, 2, 4, 5, 6 als Dropdown gegen Tippfehler ab und hinterlegt die Lagerklassen aus Spalte 7 mit einer Datenüberprüfung. Eine Sortierung nach Spalte 8 (Lagerort) macht die Kontrolle vor Ort effizient.
Lagerklassen-Matrix mit Beispielstoffen
Lagerklassen verhindern gefährliche Reaktionen durch Zusammenlagerung. In der Schweiz wird das VCI-Konzept angewendet:
| LK | Bezeichnung | Beispielstoffe | Zusammenlagerverbot mit |
|---|---|---|---|
| 1 | Explosive Stoffe | Schwarzpulver, organische Peroxide Klasse A | alle übrigen |
| 2A | Verdichtete Gase | Acetylen, Wasserstoff (Flaschen) | LK 3, 4.1A, 5.1A |
| 2B | Verflüssigte Gase | Propan, Butan (Flaschen) | LK 3, 4.1A, 5.1A |
| 3 | Entzündbare Flüssigkeiten | Aceton, Benzin, Ethanol | LK 5.1, LK 8 |
| 4.1A | Selbstzersetzliche Stoffe | bestimmte Cellulosenitrate | LK 1, LK 5 |
| 4.1B | Entzündbare Feststoffe | rote Phosphor-Mischungen | LK 5 |
| 4.2 | Selbstentzündliche Stoffe | weisser Phosphor | LK 5, LK 8 |
| 4.3 | Mit Wasser entzündliche Stoffe | Natrium, Calcium | Wasser-Lagern verbieten |
| 5.1A | Stark oxidierende Stoffe | Wasserstoffperoxid > 60 %, Kaliumpermanganat | LK 3, LK 4 |
| 5.1B | Oxidierende Stoffe | Natriumhypochlorit-Lösungen | LK 3, LK 8 |
| 6.1A | Sehr giftige Stoffe | Cyanide, As-Verbindungen | LK 5, Lebensmittel |
| 6.1B | Giftige / gesundheitsschädliche | Methanol, Schwermetallsalze | LK 5 |
| 8A | Brennbare ätzende Stoffe | Ameisensäure 100 %, Formaldehydlösungen | LK 5 |
| 8B | Nicht brennbare ätzende | konz. Schwefelsäure, Natronlauge | LK 3, Säuren ↔ Laugen |
| 10-13 | Sonstige Flüssigkeiten / Feststoffe | Schmieröle, inerte Stäube | meist unbeschränkt |
Praxis-Regel: Säuren niemals mit Laugen, Brennbares niemals mit Oxidationsmitteln, und Gasflaschen separat vom Restbestand. Ein Auffangsystem pro Lagerklasse — bei mehreren Klassen pro Raum gelten die strengsten Anforderungen.
Excel-Vorlage oder Gefahrstoffsoftware
Die Entscheidung hängt von Bestand und Wechselrate ab, nicht von der Betriebsgrösse.
- Excel oder LibreOffice Calc ist tauglich für KMU mit bis zu rund 50 gefährlichen Stoffen und stabilem Bestand. Geringe Kosten, hohe Anpassbarkeit, gut für lokale Pflege. Schwäche: keine automatische SDS-Update-Erkennung, keine Mehrstandort-Synchronisation.
- Spezialsoftware (Quentic, Gefahrstoffassistent, ChemicalCheck, sevdesk-Gefahrstoff): rechnet sich ab 100 Stoffen, mehreren Standorten oder häufigen Lieferantenwechseln. SDS-Anbindung an Datenbank, automatische Revisionswarnung, Auditprotokolle. Kosten typischerweise CHF 1500-6000 pro Jahr je nach Anbieter und Lizenzmodell.
- ERP-integrierte Lösungen (SAP EHS, Microsoft Dynamics Add-ins) für Konzerne mit eigener IT — nicht im KMU-Fokus.
Wer mit Excel startet, sollte von Anfang an eine versionierte Speicherung im Filesystem oder im Sharepoint nutzen — nicht «Gefahrstoffliste_v3_endgültig_final.xlsx». Eine OneDrive- oder Nextcloud-Versionshistorie reicht in den meisten Audits als Revisionsnachweis aus.
Revisions-Workflow — wer macht was wann
Ein Verzeichnis ohne Workflow veraltet binnen sechs Monaten. Wir empfehlen:
- Trigger «Einkauf» — bei jedem neuen Stoffbezug meldet der Einkauf die Stoffdaten an die Sicherheitsfachperson. Vor der Erstanwendung wird der Stoff im Verzeichnis aufgenommen.
- Trigger «SDS-Update» — der Lieferant informiert über eine SDS-Revision (Pflicht nach Anhang 2 ChemV). Die SiFa prüft, ob Einstufung, H-/P-Sätze oder Schutzmassnahmen geändert wurden, und aktualisiert das Verzeichnis.
- Trigger «Lager-Inventur» — halbjährliche oder jährliche Inventur (üblicherweise Q4) gleicht physischen Bestand mit Verzeichnis ab. Differenzen werden bereinigt.
- Trigger «Audit» — vor jeder externen Auditierung (Suva, ISO 14001/45001) komplette Sichtung mit zweitem Augenpaar.
- Trigger «Mitarbeiterwechsel» — neue Mitarbeitende erhalten das Verzeichnis im Onboarding zusammen mit der Instruktion nach ArGV 3 Art. 5.
Jeder Trigger wird im Verzeichnis als Spalte 15 (Revisionsdatum) plus optional in einer Änderungshistorie protokolliert. Das ist der Nachweis, der Suva-Kontrollen befriedigt.
Häufige Fehler bei der Kontrolle
Aus Auditprotokollen Schweizer KMU 2024/25:
- Treibstoffe fehlen — Diesel und Benzin sind als Gefahrstoffe einstufungspflichtig, gelten oft nicht als «Chemikalie» im Sprachgebrauch.
- Lagerklasse leer — Spalte vorhanden, aber nicht gepflegt. Suva-Inspektoren werten das als Hinweis auf fehlende Substanzkenntnis.
- SDS-Datum > 5 Jahre ohne Revisionsnachweis. Selbst wenn der Stoff identisch geblieben ist: ohne aktives Update-Prüfprotokoll gilt das SDS als veraltet.
- Mehrere Standorte, ein Verzeichnis — wenn der Stoff in Bern UND Olten gelagert wird, müssen Mengen und Lagerorte separat geführt werden.
- PSA-Spalte als «keine» für entzündbare Flüssigkeiten — verdächtig leer; im Notfall wirft das die Frage auf, ob die Mitarbeitenden überhaupt instruiert wurden.
Ein gepflegtes Verzeichnis ist ein Sicherheitsinstrument, nicht nur ein Compliance-Dokument — und es spart bei Kontrollen Zeit, weil es die Antwort auf «wo ist was, in welcher Menge, mit welchen Schutzmassnahmen?» in zwei Klicks liefert.
Häufige Fragen
Was muss ein Gefahrstoffverzeichnis in der Schweiz enthalten?
Pflichtinhalte sind Stoffbezeichnung, CAS- bzw. Produktnummer, GHS-Einstufung, H- und P-Sätze, Lieferant, Lagerort, Lagermenge, Lagerklasse, SDS-Datum sowie Verwendungsbereich. ChemV Art. 25 verlangt diese Angaben als Teil der Selbstkontrolle; ArGV 3 Art. 7 ergänzt die Pflicht zur Verfügbarkeit am Arbeitsplatz.
Reicht eine Excel-Tabelle als Gefahrstoffverzeichnis?
Ja, sofern die Tabelle alle Pflichtfelder vollständig führt, am Arbeitsplatz zugänglich ist und nachweisbar aktuell gehalten wird. Für KMU bis rund 50 gefährliche Stoffe ist Excel praxistauglich. Ab grösseren Beständen, mehreren Standorten oder häufigen Wechseln lohnt sich eine spezialisierte Gefahrstoffsoftware mit SDS-Anbindung.
Welche Stoffe müssen ins Gefahrstoffverzeichnis?
Alle als gefährlich eingestuften Stoffe und Gemische im Sinne der ChemV, plus Stoffe mit Arbeitsplatzgrenzwert (Suva MAK-/BAT-Liste). Nicht erforderlich sind Lebensmittel, Arzneimittel und kosmetische Mittel im jeweiligen Verwendungskontext. Treibstoffe, Schmierstoffe und Reinigungsmittel werden häufig vergessen, sind aber meist gefährlich eingestuft und damit pflichtig.
Wie oft muss das Gefahrstoffverzeichnis aktualisiert werden?
Jede Änderung des Bestandes löst eine Aktualisierungspflicht aus: neuer Stoff, neuer Lagerort, geändertes SDS, Wegfall eines Stoffes. Eine vollständige Revision empfehlen wir mindestens jährlich, in Hochrisikobetrieben halbjährlich. Bei Suva-Kontrolle prüfen die Inspektoren das Revisionsdatum als ersten Indikator.
Was sind die Lagerklassen für Chemikalien in der Schweiz?
Die Schweiz folgt dem Lagerklassen-Konzept der VCI-Konzeption (LK 1 explosiv bis LK 13 nicht brennbare Feststoffe). Lagerklassen steuern, welche Stoffe nebeneinander gelagert werden dürfen — eine Lagerklassen-Matrix verhindert gefährliche Kombinationen wie Säure und Lauge im selben Auffangraum. Der Eintrag im Verzeichnis ist Pflicht, sobald eine relevante Menge gelagert wird.
Wer im Betrieb ist für das Gefahrstoffverzeichnis verantwortlich?
Verantwortlich ist die Geschäftsleitung — sie kann die operative Führung delegieren, üblich an die Sicherheitsfachperson (SiFa), die Werkstattleitung oder einen Gefahrstoffbeauftragten. Die Delegation muss schriftlich erfolgen, die Verantwortlichkeit bleibt bei der Geschäftsleitung. Bei einem Unfall haftet sie persönlich, wenn die Delegation nicht nachweisbar dokumentiert ist.
Quellen
- Chemikalienverordnung (ChemV, SR 813.11) — Art. 25 Selbstkontrolle
- Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz (ArGV 3) — Art. 5-7 Information
- Suva: Gefahrstoffe im Betrieb — Praxisleitfaden
- Anmeldestelle Chemikalien — Selbstkontrolle — Vollzugshinweise
- VCI Lagerklassen-Konzeption — branchenübergreifender Standard
Wer das Verzeichnis aufbaut, sollte die zugehörigen Sicherheitsdatenblatt-Pflichten 2026 gleich mitabhandeln — beide Dokumente bilden zusammen die Schweizer Selbstkontrolle.